SCHWARZWEISS

Sie bezeichnen sich weder als reinen Dokumentarfotograf noch als Provokateur, sondern vielmehr als jemanden, der menschliche Abgründe aufgrund eines individuellen Interesses sichtbar macht. Woher stammt Ihre Faszination für Dinge, die die meisten Menschen am liebsten gar nicht sehen wollen?

Ich fotografiere natürlich nicht nur Abgründe, sondern auch Exzesse oder Situationen, die menschliche Regungen zeigen, die von der Mainstream Fotografie oder Unterhaltungsbranche weichgespült und gefällig vermarktet  werden.  Und wenn ich damit provoziere, liegt das nicht an meiner Absicht, sondern an der subjektiven Wahrnehmung des Betrachters, der die Wahrheit verdrängt, weil es vielleicht seinen moralischen Kodex verletzt. Provokation ist ein reizvolles Stilmittel, wenn man die Verlogenheit, Eingeschränktheit und geistige Armut des herrschenden Kultur -Establishments entblößen will. Aber meine Faszination für die Sujets mit denen ich mich seit Jahrzehnten beschäftige, geht natürlich tiefer. Es gibt so viele Gründe dafür. Liebe, Leid, Sehnsucht, Verzweiflung, Wahnsinn, der Tod, was gibt es für größere Themen? Und gerade die Fotografie ist ein Medium, das die Wahrheit am direktesten und sichtbarsten vermitteln könnte, ohne auf die Magie der Poesie oder Malerei, verzichten zu müssen. Aber das ist ein Spagat, das nur wenige schaffen.      

Viele Ihrer Fotos zeigen auf den ersten Blick extreme Begebenheiten, zugleich geht es Ihnen aber auch um eine gewisse Mystik und Magie in den jeweiligen Situationen. Sind die Betrachter Ihrer Bilder Ihrer Erfahrung nach in der Lage, diese „Zwischenwelten“ in den Bildern zu erkennen?

Bei Ausstellungen tausche ich mich natürlich auch mit Betrachtern aus, die gerade die Magie oder Mystik  meiner Bilder bewundern. Die Fragen, die sie aufwerfen, die undurchdringbaren Hintergründe oder auch Schattenseiten, die verborgen bleiben. Natürlich werden auch soziologische oder politische Themen angeregt. Moralischen oder religiösen Vorbehalten gegenüber, bin ich ziemlich intolerant. Man muss mir keine Komplimente machen, aber ich habe auch keine Lust mich über meine Fotos, Filme oder Romane zu streiten. Wer diese Zwischenwelten nicht sieht oder ahnt, dem werde ich auch keine Vorträge halten, wie er was zu sehen oder verstehen hat.

Bei Ihrer Arbeit in den unterschiedlichen Randmilieus kommen Sie immer wieder in gefährliche oder extrem unangenehme Situationen. Wie gelingt es Ihnen, sich zu überwinden, um die gewünschten Fotos aufzunehmen?

Bisher war es nie eine wirkliche Überwindung, mich auf solche Situationen einzulassen. Wenn ich etwas sehe, dass mich interessiert oder fasziniert, ist mein Adrenalinspiegel so hoch, dass ich zunächst alle Bedenken bei Seite lasse. Werde ich dann jedoch erkannt, abgelehnt oder attackiert, überlege ich es mir schon, ob die Situation kontrollierbar bleibt und wie ich mich zu verhalten habe. Man braucht natürlich ein gutes Gespür, Intuition, Charisma, die richtige Haltung, Mut und die nötige Gewandtheit oder Robustheit, wenn man sich auf potentiell gefährliche Situationen einlässt. Aber Rückzug ist immer eine Option.

Auch in Ihrer literarischen Arbeit beschäftigen Sie sich mit den Abgründen des gesellschaftlichen Lebens, in denen sich auch Spuren Ihres eigenen Lebens wiederfinden. Wie beeinflussen sich bei Ihnen Fotografie und Literatur gegenseitig, insbesondere in Bezug auf die Themen Realität und Fiktion?

Natürlich beeinflussen sich Film und Literatur oder Film und Fotografie stärker als Literatur und Fotografie. Ich war immer ein Träumer und bewege mich wie ein Somnabulist durch alle drei Ausdrucksformen. Und natürlich suche ich manchmal, bei meinen fotografischen Exkursionen, auf den Straßen, nach Ecken und Menschen, wie ich sie aus meinen Albträumen kenne.

Sie haben in der Zeit unmittelbar vor und nach dem „Euromaidan“ die Ukraine, das Heimatland Ihres Vaters, bereist. Was bedeutete Ihnen das Projekt „Ukrainian Night“ persönlich?

Ich hatte während des Projekts, die Möglichkeit, den letzten lebenden Bruders meines Vaters zu treffen. Er war 83 Jahre alt und noch rüstig, hatte die grau blauen Augen meines Vaters und lebte wieder in seinem Elternhaus, in einem kleinen Kaff in den Karpaten. Das war für mich persönlich das tiefste emotionale Erlebnis in der Ukraine. Ich habe mehr von der Ukraine gesehen, als mein Vater, der mit 18 Jahren seine Heimat verlassen musste und danach 10 Jahre Krieg und Kriegsgefangenschaft überlebte und nie wieder in die Ukraine zurück gekehrt ist. Aber natürlich ist das Buch mit den Augen eines West Europäers entstanden und ich habe mich dabei nicht unbedingt wie der verlorene Sohn gefühlt. Ich habe genauso subjektiv und unvoreingenommen  fotografiert wie immer.

Sie offenbaren  seit mehreren Jahrzehnten die Lebensrealitäten in Metropolen wie Berlin, New York und Moskau in einer Form, wie sie die Mainstream-Medien nie zeigen würden. Was sind aus Ihrer Sicht die größten Unterschiede zwischen heute und der Zeit der 1980er Jahre?

Moskau kenne ich nur aus den 90’er Jahren. In den 80’er Jahren glaubte man, zumindest im Westen, noch an die individuelle Freiheit, Ausstieg aus bürgerlichen Konventionen, Experimente und Abenteuer. Die großen und spannenden Metropolen wie London, Berlin und New York waren noch erschwinglich, man konnte mit geringstem Etat, von einer Metropole in die andere ziehen, eine billige Absteige und jede Menge schlechtbezahlter Jobs finden. Aber der Spirit der 60’er Jahre war bereits härteren Tönen und Klängen gewichen, als hätten die dunklen Propheten der Angst und des Untergangs, die Zukunft richtig gedeutet