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Wenn man alleine die Titel Ihrer Bücher und Filme sieht, dann erkennt man schnell, worum es geht: "Absturz", "Freier Fall", "Down and Out in Moscow". Hat ihr eigenes Leben oben oder unten angefangen?

Jeder, dem es um kreativen Ausdruck geht, fängt von vorne oder unten an. Das ist zu nächst unabhängig von seinem sozialen Status. Inspiration, Stil, Inhalt, haben nichts mit Protektion oder Chancengleichheit zu tun. Erfolg eher schon. Wer finanziell abgesichert ist, hat es leichter durchzuhalten. Obwohl es dabei vielleicht öfter um Fame und Fortune geht, als um Inhalt. Wer existentielle Verzweiflung und Angst spürt, drückt sich anders aus, als jemand der an seinen Neurosen oder seinem Narzissmus leidet.

Sie wurden im beschaulichen Karlsruhe geboren und sind dann mit zwanzig Jahren nach Berlin gegangen. War das für Sie ein Ausbruch aus dem bürgerlichen und kleinbürgerlichen Milieu?

Die ersten 6 Jahre meines Lebens waren eher von einer düsteren Nachkriegsatmosphäre geprägt. Ich habe bei meinen Großeltern in einem Haushalt gewohnt, in dem es noch ein Außen Klo, neben dem Stall gab, in dem der Obdachlose Bruder meines Stief-Opas schlief. In der Nachbarschaft gab es noch jede Menge Kriegsversehrte, Kriegstraumatisierte, Nazis, Alkoholiker, Frustrierte, Brandstifter, Deformierte. Meine Oma war unter den Nazis für Hitler, mein richtiger Opa Kommunist, mein Stief-Opa Sozialdemokrat. Mein Vater musste als Stalingegner aus der Ukraine fliehen, seine Familie wurde nach Sibirien verbannt, er musste für die Deutschen in den Krieg ziehen und fünf Jahre russische Gefangenschaft aushalten. Meine Mutter ist 32 geboren und war noch zu jung, für eine eindeutige Haltung. Also beschauliches Kleinbürgertum ist etwas anderes. Ein Ausbruch aus Karlsruhe war es aber trotzdem. Ich hatte als Kind schon immer imaginäre Weltreisen unternommen und wusste schon früh, dass ich hier nicht bleiben würde.

Sie wollten in Berlin ursprünglich Film studieren und faszinierten sich für das Kino der Surrealisten, aber auch für Buster Keaton. Beide Kinoformen sind geprägt von der Absurdität. Hat das Absurde auch EInfluss auf Ihre spätere Bildsprache gehabt?

Das Absurde war mir schon von den ersten Kindheitstagen an vertraut. Ich bin in einer Atmosphäre der Widersprüche aufgewachsen. Habe mich mit absurden Geschichten in den Schlaf gewiegt. War eher ein Einzelgänger oder stiller Beobachter, mit einer ausgeprägten Neugier und Sensibilität für das Absonderliche, bevor ich meine ersten Eindrücke oder Anregungen durch öffentliche Medien erhielt. Aber ich erinnere mich noch an mein erstes Kinoerlebnis, mit neun oder zehn, wobei mich ein Vorfilm von Renoir „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ noch stärker als der Hauptfilm mit John Wayne beeindruckt hat. Obwohl ich ein Westernfan war. Wahrscheinlich hätte ich meine eigene Bildsprache erfunden, auch ohne die Einflüsse, der großen Surrealisten, vor allem des Stummfilms. Das ich davon beeinflusst wurde ist anzunehmen.   

Sie haben dann angefangen, die aufkeimende Punk-Bewegung zu dokumentieren. Haben Sie sich damals als Teil dieser No-Future-Bewegung verstanden?

An meine Zukunft habe ich immer geglaubt, sonst wäre ich wahrscheinlich wie viele aus der Bewegung untergegangen oder eher verstümmelt daraus hervorgegangen. Ich habe eher mit der Anti Establishment Haltung der Punks sympathisiert. Vieles war ja auch nur Koketterie und Exhibitionismus. Man schreit solange „No Future“, bis einem einer einen fetten Scheck in die Hand drückt und einen Plattenvertrag in den Arsch schiebt. 

Teilhabe ist a gerade in der Dokumentarfotografie ein entscheidender Begriff - also die Frage, wo sich der Dokumentarist verortet. Haben Sie, wie etwa Nan Goldin, die Subkulturen eher von Innen heraus als teilnehmender Beobachter fotografiert, oder ist ihr fotografischer Standpunkt eher empirisch?

Sowohl als auch. Man kann sich nicht mit jedem fraternisieren. Oder so tun, als wäre man ein Teil davon. Manchmal hatte ich mehr, manchmal weniger Abstand. Ich habe mich ja auch nicht in Moskau, zu den Sterbenden, auf die Straße gelegt. Ich war immer ein Teil der Subkultur, ein Außenseiter in meinem ganzen Schaffenswerk, aber dennoch geht es mir immer um Individuen und nicht um generelle Zeitphänomene.   

Egal ob Punk, Prostitution oder Schwulenbewegung: Ihre Themen leben stark vom exhibitionistischen Verhalten der Dargestellten. Mach diese Zeigelust das Fotografieren einfacher?

Mittlerweile eher schwieriger. Es gibt immer mehr diese „Discover me“ Haltung, der zahllosen Selfie-Knipser, die jegliche Authentisität ausschließt. Die Punks und die Prostituierten, waren eher weniger exhibitionistisch drauf. Mit Ausnahme der transsexuellen Hustler, der Fuck Piers, der 80’er Jahre, Performer und einigen zeitlosen, exhibitionistischen Freaks, hatte ich doch ganz andere Schwerpunkte.

Bis heute fotografieren sie analog. Jenseits der technischen Fragen, wie beeinflusst der langsame analoge Verarbeitungsprozess den Zugang zu ihren Sujets und Themen? Kommt die analoge Street-Photography schon von der technischen Seite her zu ganz anderen Ergebnissen als die heutige Smartphone-Fotografie?

Ich glaube, dass man mit beiden Medien ähnlich konzentriert arbeiten könnte. Allerdings korrumpiert die unbegrenzte Schnellknippserei, der digitalen Fotografie, viele Fotografen. Das Auge des Betrachters kann der Geschwindigkeit der Kameramechanik nicht mehr folgen und entwickelt eine Eigendynamik, die immer mehr die Bildsprache des Fotografen beeinflusst oder beherrscht. Beliebigkeit. Zufall und Überfluss sind keine guten Komponenten für Komposition und Stil. Fotografie ist das inflationärste Medium der Welt und hat ein Fotograf keinen Erkennungswert, geht er unter.   

Sie waren früh beeinflusst von Literatur und Film. Doch was hat ihr fotografisches Auge geschult? Ihre damalige Freundin, habe ich gelesen, hat in Berlin Fotografie studiert. War Sie ein EInfluss? Oder etwa die Bilder von Weegee oder Diane Arbus, mit denen man Sie später immer wieder verglichen hat?

Meine Freundin, hatte garantiert keinen Einfluss auf meine Visionen oder meinen  künstlerischen Werdegang. Sie hat sich mit konventionellen Schulthemen beschäftigt, während ich durch die Straßen zog und Menschen ablichtete, die nicht gesehen werden sollten. Sie hat allerdings meine Negative entwickelt.Und die Außenseiter der Gesellschaft haben mich schon vor Weegee und Dianne Arbus, sogar schon vor Dostojewski und Kafka interessiert. Ihr Stil hat mich natürlich fasziniert, wobei ich technisch zu ignorant und in meinem Vorgehen zu intuitiv war, um irgendjemanden zu kopieren. Ich hatte mir meinen ästhetischer Blick und meine Haltung weder aneignen noch erarbeiten müssen. Fotografieren war für mich wahrscheinlich so natürlich und unkompliziert, wie für Mozart das komponieren.    

Arbus hat ihre Freak-Bilder einst gemacht, um sich dadurch ihren eigenen Ängsten zu stellen. Was erzählen ihre Fotos über ihre eigenen Ängste oder andere Gefühlszustände?

Schwer zu sagen, zumal ich mich auch anderer Medien bediene, die meine inneren Gefühle wahrscheinlich persönlicher oder direkter ausdrücken. Als Dokumentarfotograf ist man vor allem auch Chronist. Und als Chronist reagiert man auf das, was vorhanden ist. Mit dem einzigen Unterschied, dass man sich seine Sujets aussucht. Wer Armut zeigen will, wird sich nicht in einer bourgeoisen Nachbarschaft aufhalten, es sein denn er lebt dort. Aber das ich permanent Armut, Leid, Exzesse, Wut oder Gewalt zeige, lässt natürlich darauf schließen, dass mich die Unzulänglichkeiten des Lebens nicht kalt lassen. Und mich das Abnorme stärker anzieht, als die Konvention und der gesellschaftliche Imperativ des braven, politisch korrekten Bürgers.

Egal ob in Berlin, New York oder später in Moskau: Immer erzählen ihre Bilder etwas über konkrete Orte und Zeiten. Doch manchmal kommen einem gerade Ihre Porträts wie Archetypen vor. Man denkt an Dantes Inferno, Goyas "Desastres" oder an die Hölendarstellungen von Bosch. Nutzen sie die Oberflächen der Subkulturen am Ende nur für ein fotografisches Psychodrama?

Wenn Fotografie dem Anspruch als Kunstform gerecht werden will, muss sie sich visuell, an den großen Meistern, der bildenden Kunst orientieren. Zumindest was Tiefe, Format, Komposition betrifft, was fotografisch natürlich viel reduzierter erfasst , aber doch mit den schlichtesten Mitteln erzeugt werden kann. Schatten, Perspektive Kontrast, Sujet. Die Technik wird dabei maßlos überschätzt. Auch in der Dokumentarfotografie ist Platz für die Magie. 

Dokumente von den "Dark Sides" existieren seit den Anfängen der sozialdokumentarischen Fotografie - Angefangen bei Riis bis zu Larry Clark. Warum ist es wichtig, diese Seite der Gesellschaft in den medialen Bilderkosmos zu integrieren?

Gerade deshalb, weil sich die Gesellschaft lieber den Sonnenseiten zuwendet. Entertainment steht wesentlich höher im Kurs, als unbequeme, sozialdokumentarische Recherchen oder  dialektische, surrealistische Themen. Und Kunst wird immer elitärer vermarktet. Ist in den Händen der Redakteure, Galeristen und Lobbyisten des Kapitalismus und des richtigen Geschmacks. Ein großer, dialektischer Denker wie Nietzsche, würde in unserer Zeit, erbarmungslos von der Ignoranz und Engstirnigkeit unserer Geschmacks- und Moralapostel vernichtet werden.    

Wie verändert der museale Kontext - wie jetzt etwa in den Deichtorhallen - die Wahrnehmung ihrer abgründigen Bilder?

Überhaupt nicht. Das ist nur ein größeres Setting mit mehr Beachtung.

Sie verweisen für ihre Ästhetik auf ein Zitat von Franz Kafka: "Hat man die Kraft die Dinge unaufhörlich, gewissermaßen ohne Augenschließen anzusehen, so sieht man vieles. Lässt man aber nur einmal nach und schließt die Augen, verläuft sich gleich alles ins Dunkel." Ich möchte ein berühmtes Zitat Nietzsches dagegen halten: "Wenn man nur allzu lang in einen Abgrund schaut, schaut der Abgrund irgendwann zurück.“ Was erwarten Sie individuell wie gesellschaftlich von Ihrem Blick auf die "Dark Sides"? Und wie hält man diese Blicke als Künstler überhaupt aus?

 Wer in seinem Leben in Abgründe geblickt hat, wird entweder davor fliehen oder sich damit arrangieren müssen. Die Kunst erlaubt jedenfalls die freisten Ausdrucksmöglichkeiten sich mit seinen Obsessionen zu beschäftigen. Sie ist das einzige und letzte Refugium der Außenseiter, Träumer, Querdenker und Ikonoklasten. Selbst für erfolglose Künstler, obwohl die Selbstmordrate wahrscheinlich nirgendwo höher liegt. Wenn ich kreiere oder fotografiere, erwarte ich zunächst einmal überhaupt nichts. Der Anspruch kommt immer erst danach und der ist in meinem Fall zumindest der, dass ich von meiner künstlerischer Arbeit leben kann. Auf die Interpretation meiner Arbeit, habe ich keinerlei Einfluss. Wenn man damit Kunst, Empathie, soziales Engagement, Perversion oder sonst etwas assoziiert kann das stimmen oder auch nicht. Davon kann ich mich nicht beeindrucken lassen.

Sie Fotografieren die Abgründe dort, wo sie offensichtlich sind – oder dort, wo sie erwartet werden. Wäre es nicht ebenso spannend, das „radikale Auge“ auf die Mittel- und Oberschicht zu lenken. Oder sind dort die alltäglichen Dramen zu versteckt?

Einem Dokumentarfotograf, der die Abgründe der Bourgeoisie zeigen will, sind natürlich alle Türen verschlossen. Und in der Literatur oder im Film gibt es zahllose Beispiele dafür. Truman Capote, Strindberg, Moliere… Die Liste ist endlos. Aber warum sollte ich mich in eine Gesellschaftsschicht begeben, in der ich nicht willkommen wäre und die mich zu zensieren versuchen würde?  Mich mit einem verlogenen Smile, irgendwo rein zu schleimen, entspricht nicht meinem Charakter. Außerdem interessieren mich andere Themen mehr.   

1992 haben Sie Ihren ersten Film gedreht. Später haben Sie auch angefangen, Krimis zu schreiben. Woher kam die Wende zum Fiktionalen?

Meine erste Faszination galt der Literatur, dann dem Film und dann erst der Fotografie. Also war es genau umgekehrt. Aber der Faszination zum Fiktionalen, lag natürlich immer auch die harte Realität des wirklichen Lebens zugrunde.